Demokratie leben - Demokrasiyi yaşamak

Ein Zeitungsprojekt im Kreis Offenbach (Hessen-Deutschland)

"JUGEND, MEDIEN UND POLITIK"

 

Beiträge:

 

Bevor der Hass an unsere eigene Türe klopft…

 

Rassismus und Fremdenfeindlichkeit sind nicht nur in Deutschland ein Problem. Rassistische und fremdenfeindliche Menschen gibt es überall und schon lange. Bis ins 17. Jahrhundert wurden „andersartige“ Menschen hauptsächlich wegen ihrer Religion diskriminiert, später dann zusätzlich aufgrund ethnischer und kultureller Unterschiede.

 

Was ist Rassismus überhaupt und was sind die Gründe für fremdenfeindliches Verhalten?

 

Das Problem fängt schon einmal damit an, dass es keine allgemein verbindliche Definition von Rassismus gibt, sondern nur eine engere und eine weitere Auslegung dieses Begriffs, und dass Rassismus nicht einmal im rechtlichen Sinn einheitlich festgelegt ist.

 

Gemeinsam haben alle Definitionen von Rassismus allerdings, dass Menschen einer anderen Herkunft und/oder Religion aufgrund tatsächlicher oder angedichteter Merkmale mit ihrer „anderen Mentalität“ und ihren Sitten und Gebräuchen als minderwertig und als Bedrohung für die Mehrheitsgesellschaft betrachtet werden.

 

Aus diesem Denken heraus werden Einzelpersonen oder ganze Gruppen benachteiligt und diskriminiert. Und nicht erst seit der Nazizeit, in der man eine ganze „Rasse“ vernichten wollte, gibt es sogar zunehmend Gewalt gegen „Fremde“ in Deutschland. Man denke nur an die Ereignisse der letzten 25 Jahre, an Mölln, Hoyerswerda, Solingen, die NSU-Morde und die vielen anderen mehr oder weniger bekannten Fälle von gewalttätiger Fremdenfeindlichkeit in Deutschland. Und sie nimmt kein Ende. Tagtäglich findet Gewalt gegenüber „Fremden“ in unserem Land statt.

 

Fremdenfeindliche Parteien sind nicht von heute auf morgen entstanden, aber in letzter Zeit sind sie sichtbarer geworden und so weit in der Mitte der Gesellschaft angekommen, dass sie gewissermaßen salonfähig geworden sind und sich die Mitglieder und Sympathisanten dieser Parteien nicht schämen, einer solchen Ideologie anzuhängen.

 

Sollen wir das alles stillschweigend hinnehmen?

 

Nein! Wir appellieren an alle, junge wie ältere Menschen, wachsam zu sein und einen Beitrag dazu zu leisten, dass sich ein solches Gedankengut nicht noch stärker in Deutschland verbreitet.

Dazu braucht es Entschlossenheit und innere Überzeugung, eine Bündelung der Kräfte sowie eine politische Basis, auf der ein Kampf in einem demokratischen Rahmen geführt werden kann.

Gerade jetzt ist es sehr wichtig, ein politisches Bewusstsein und ein Verantwortungsgefühl zu haben. Wir, Seda Erdoğan, Melih Bektas, Ilay Hamoğlu, Eray Doğan, Elis Zengin, Ersin Zengin, Irem Doğan, Esma Fındık und Dolunay Özer aus dem Kreis Offenbach haben an diesem Projekt teilgenommen, um das politische Leben in unserem Umkreis aktiv mitzugestalten, damit unsere Demokratie weiter lebt, und zwar friedlich trotz der Vielfalt unserer Gesellschaft.

 

Ich meine...

 

Mehmet Canbolat

 

Die Welt ist im Wandel.

Je stärker die Globalisierung, desto grösser wird der Einfluss von aussen. Dies hat seine

Auswirkungen auch auf Deutschland, insbesondere auf Werte

wie Demokratie, Freiheit und Toleranz.

Die demokratische Basis für die Politik ist am Wanken. Dies resultiert in einer

wachsenden Politikverdrossenheit in der

gesamten Bevölkerung, aber vor allem unter den jungen Menschen.

Durch verschiedene Maßnahmen wurde und wird versucht, das Interesse von

Jugendlichen an der Politik zu wecken,

jedoch bislang ohne nennenswerten Erfolg.

Aber unsere Nachwuchs-Reporterinnen und Reporter Seda Erdoğan, Melih Bektaş, İlay Hamoğlu, Eray Doğan, Elis Zengin, Ersin Zengin, İrem Doğan, Esma Fındık und Dolunay Özer bilden eine löbliche Ausnahme unter den Jugendlichen.

Sie interessieren sich für Politik und waren auf kommunaler bzw. regionaler Ebene unterwegs und sprachen mit hessischen Politikern. Die Jugendlichen, die hier geboren und aufgewachsen sind, gehören zu Deutschland und sie wollen, dass die Politik nicht über sie, sondern mit ihnen spricht.

Dieses kleine Zeitungsprojekt wäre nicht

zustande gekommen ohne die Unterstützung des Kreises Offenbach, des AWO-Kreisverbands Offenbach und des Deutsch- Türkischen Forums Kreis u. Stadt Offenbach sowie des Türkischen Familienvereins Mühlheim und des Türkischen Kulturvereins Rodgau.

Vielen Dank für die freundliche Unterstützung und das Engagement im Sinne unseres

gemeinsamen Mottos:

“Demokratie leben!”

                                      

 

Interview mit Prof. Benno Hafeneger von der Universität Marburg

 

Das Erfolgsrezept der rechtspopulistischen Parteien

Die AfD ist in besorgniserregendem Ausmaß in der Mitte der Bevölkerung angekommen. Was bedeutet das für die Demokratie in Deutschland? Dieser Themenkreis bewegt natürlich auch politisch interessierte Jugendliche.                                                       

Unsere jungen Reporterinnen Esma Fındık und Dolunay Özer sprachen darüber mit Prof. Benno Hafeneger von der Philipps-Universität Marburg

 

Frage: Warum hat Ihrer Meinung nach die AfD innerhalb kürzester Zeit einen so rasanten Aufstieg erlebt?

Antwort: Die eine Seite ist, dass es Leute gab, die die AfD gegründet haben; Leute die ehemals aus der CDU kamen, aber auch andere, die die Partei gegründet haben und in die Offensive gegangen sind mit der Argumentation „wir brauchen eine Alternative, quasi eine andere Partei neben den Parteien die es gibt, weil wir die richtigen Antworten haben und weil wir wissen, was das Volk denkt.“

Die andere Seite ist, dass es in der Gesellschaft größere Gruppen gab, die unzufrieden waren mit der Gesellschaft, mit der Politik und mit dem ganzen Angebot, die frustriert und empört waren, die Ängste hatten, die im weitesten Sinne Wut hatten auf die etablierte Politik. Und das ging zusammen; es gab eine Gruppe, die die AfD gegründet hat, diese Leute haben das auch sehr professionell gemacht, sie wollten als Partei ein neuer Akteur werden in der Politik und es gab in der Gesellschaft und in der Bevölkerung Gruppen, die bereit waren, genau diese Partei zu wählen, weil sie frustriert, verärgert und voller Wut waren auf die Parteien die ihnen keine Antworten gegeben haben. Diese beiden Gegebenheiten gingen zusammen.

 

Frage: Was wäre Ihr Appell an Jugendliche, die sich für Politik interessieren? Was würden Sie ihnen empfehlen?

Antwort: Nun ja, man kann nur hoffen, wenn es um Politik geht, dass viele Jugendliche, vielleicht auch in der Schule mit ihren Lehrerinnen und Lehrern oder in den Familien nicht nur mit diffusem Ärger, Wut oder Frustration reagieren und möglicherweise die AfD gut finden, sondern dass versucht wird zu ergründen, ‚welche Probleme haben wir, welche Probleme hat die Gesellschaft, welche konkreten Probleme haben wir in der Umwelt, am Arbeitsmarkt, mit der Rente, mit der Pflege, usw. und was haben die Parteien anzubieten? Was ist sozusagen die konkrete Sach-Antwort auf das, was in der Gesellschaft los ist?‘ und dass man nicht nur allgemein sozusagen am Wolkenhimmel der Gefühle seinen Frust und Ärger loswerden will. Es wäre gut, wenn das gelernt würde und wenn das auch gelernt werden will in der jungen Generation.

 

Frage: Also, Interesse zu zeigen dafür was los ist und sich zu engagieren?

Antwort: Ja, und was wichtig wäre auch als Angebot an die junge Generation - das ist aber dann auch eine Aufgabe der Erwachsenen bzw. der gesamten Gesellschaft - wieder eine positive Idee von Demokratie in Europa zu vermitteln. Da spielen auch Gefühle eine Rolle. In so einem Projekt, was Demokratie bedeutet, für einen selbst und für das Zusammenleben, und wie wichtig es ist, dass auch Europa eine Idee hat, oder auch die Weltgesellschaft, geht es nicht nur um Rationales, sondern Einzelne brauchen auch eine konkrete Idee, für die man sich ein Stück weit begeistern kann, und da ist die Gesellschaft aufgefordert, eine solche Begeisterung wieder in die neuen Generationen hineinzubringen und ihnen zu vermitteln dass es sich lohnt, dass es Spaß macht und dass sie Alternativen haben zu dem was die AfD anbietet und was nur in eine Sackgasse führt und mehr Probleme schafft als es löst.

 

Frage: Was sind überhaupt die Merkmale der AfD?

Antwort: Die AfD ist in großen Teilen eine völkische Partei. Sie hat die Vorstellung, wir hätten ein homogenes „deutsches Volk“ und es gäbe Menschen die dazugehören und solche die nicht dazugehören. Der Hintergrund ist, wir hätten eine „deutsche Kultur“ die typisch für uns ist, die uns ausmacht und die auch nicht zerstört werden darf durch das was man dann „Migration“ nennt und was die Kultur dann so verändert, dass „wir als Deutsche“ uns mit unserer „deutschen Kultur“ nicht mehr wiederfinden. Es herrscht die Vorstellung einer Kultur und Identität vor, die ganz eng und homogen ist. Das ist das Eine.

Das Andere ist das gesamte Wertesystem, was der AfD nicht passt, als könnte man das Rad zurückdrehen zur Ideologie der 1950’er Jahre mit „deutschen“ Werten wie Sitte, Anstand, Ordnung, einem klaren Familienbild, einer klaren Rolle der Frau, wie die Kinder zu erziehen sind, usw. Herr Meudt hat einmal gesagt: „Nach deren Meinung leben wir in einer Rot-Grün-versifften Republik.“ Sie haben die Idealvorstellung von einer hermetisch abgeschlossenen Gesellschaft und sind der Auffassung, man müsse die Grenzen genau kontrollieren, das „weiße Europa“ müsse sich kontrollieren und sich unter klaren autoritären Verhältnissen abschotten gegenüber der Außenwelt nach dem Motto „wir sind nur für uns zuständig, nicht für die anderen.“

 

Frage: Wäre es vorstellbar, dass ein Migrant Mitglied in der AfD wird?

Antwort: Eigentlich nicht, es sei denn er wäre über-angepasst, was es ja im Einzelfall durchaus gibt. Wenn einer sagt „mir ist es gelungen, mich so übermäßig zu integrieren, dass ich mich stärker von Menschen meiner eigenen Kultur bedroht fühle als von der AfD“ dann wäre es vorstellbar. Vereinzelt gibt es solche Leute bestimmt.

 

Göksal Arslan, der Vorsitzende des Ausländerbeirats Rodgau und Gründer des Türkischen Elternvereins Rodgau, sprach mit unseren jungen Reportern Seda und Melih:

Nehmt Eure demokratischen Rechte wahr

Frage: Würden Sie sich bitte kurz vorstellen?

Antwort: Mein Name ist Göksal Arslan, ich bin in der Türkei geboren und lebe seit 1974 in Deutschland. Euch interessiert bestimmt, was ich politisch mache. Ich habe 1993, als in Hessen das Wahlrecht für Nichtdeutsche eingeführt wurde, für den Ausländerbeirat kandidiert, um eine Möglichkeit zu haben, die Anliegen der Zuwanderer an die Politik heranzutragen. Ich habe in Rodgau eine eigene Liste gebildet mit dem Namen „Interessengemeinschaft ausländischer Mitbürger“ und mit meinen Mitstreitern für den Ausländerbeirat kandidiert, dem ich seit 1993 angehöre und den ich seit 2001 sogar als Vorsitzender leite. Davor war ich schon als stellvertretender Vorsitzender tätig. Im Jahre 2001 habe ich auch den Türkischen Elternverein gegründet, der überwiegend türkische Kinder und Jugendliche im Bildungswesen unterstützt, z.B. in Form von Hausaufgabenhilfe, der Vorbereitung auf Abschlussprüfungen und mit Projekten für politische Bildung. Mit all dem ist der türkische Elternverein sehr erfolgreich. Das ist das was ich mache, und im Ausländerbeirat haben wir uns zum Ziel gesetzt, in Rodgau politisch mitzureden und ein Sprachrohr für die Anliegen der nichtdeutschen Bevölkerung zu sein. Wir bringen Gegebenheiten die wir beobachten, im Stadtparlament zur Sprache, um mit den politischen Rechten und Möglichkeiten die wir haben, solche Dinge an die Mehrheitsgesellschaft heranzutragen.

 

Frage: Aus welchen Beweggründen sind Sie politisch aktiv geworden?

Antwort: Ich habe mir immer Gedanken gemacht, warum wir, obwohl wir schon so lange in Deutschland leben, kein politisches Mitspracherecht haben, nicht einmal in der Stadt in der wir wohnen, und ohne Mitbestimmungsrecht am Rande der Gesellschaft leben. Aus diesem Grund habe ich mich immer für Politik interessiert. Schon in jungen Jahren war ich in der Gewerkschaft engagiert und habe es bis zum Betriebsratsvorsitzenden gebracht. Dadurch und weil ich es für wichtig halte, dass man sich einmischt, haben sich mein politisches Engagement und meine politische Bildung vertieft. Man kann nicht nur Forderungen stellen, sondern muss seine Wünsche auch an das politische System herantragen. Es ist selbstverständlich und auch wichtig, dass wir, die Zuwanderer, unsere Vorstellungen klar äußern und dass Ihr Jugendlichen, die Ihr Euch heute engagiert, in den nächsten 30 Jahren das fortsetzt, was meine Generation vor 30 Jahren begonnen hat. Ihr seid zwar keine „Zuwanderer“ im eigentlichen Sinn, aber Ihr habt die Besonderheit, dass Ihr zwei Kulturen in Euch tragt und auch Ihr müsst Euch demokratisch beteiligen und Eure Anliegen an die Stadt, das Parlament und die Schule herantragen, egal wo Ihr seid, z.B. in der Arbeit, dass Ihr Euch im Betriebsrat engagiert oder in der Schule als Klassen- oder Schulsprecher. Wir brauchen Leute, die politische Forderungen stellen und nicht nur jammern und sagen: „Ach, bei uns läuft alles so schlecht“ sondern dass man sagt: „Ja, wir haben bestimmte Vorstellungen und eine andere Kultur, aber wir wollen unsere Forderungen auf eine demokratische Art und Weise stellen.“ Ich habe mich immer für meine Vorstellungen engagiert und in meiner Lebenswelt Dinge die ich anders sehe, in der Arbeit und in der Stadtpolitik versucht, demokratisch umzusetzen, und bis jetzt war ich darin erfolgreich. Wir haben in Rodgau einiges bewegt seit ich im Ausländerbeirat aktiv bin und ich kann Euch nur bitten, dass Ihr Euch engagiert und in der Politik Eure demokratischen Rechte wahrnehmt.

 

Frage: Was sagen Sie zur Politikverdrossenheit der Jugendlichen?

Antwort: Es ist natürlich traurig, dass die Jugendlichen so politikverdrossen sind. Ich denke, es liegt auch an der heutigen Zeit. Die Eltern sind überfordert, besonders diejenigen mit Migrationshintergrund, die überwiegend der gleichen sozialen Schicht angehören, sich nur mit ihren eigenen Problemen beschäftigen und gar nicht wissen, mit welchen Problemen ihre Kinder in dieser Gesellschaft konfrontiert sind. Aber auf diese Probleme muss man seine Kinder, auch und gerade im Jugendalter, vorbereiten. So wie Ihr jetzt die Möglichkeit habt, in einem solchen Projekt mit derlei Dingen in Kontakt zu kommen, müsste man auch an andere Jugendliche, die diese Möglichkeit nicht haben, herantreten, damit sie wissen, dass es solche Möglichkeiten überhaupt gibt. Denn die Schulen haben die Möglichkeiten für solche Projekte nicht, weil sie mit so viel Schulstoff beschäftigt sind, also muss man das im Elternhaus erkennen und seine Kinder darauf vorbereiten, dass es „da draußen“ außer Lernen auch noch etwas anderes gibt das fürs Leben wichtig ist, nämlich dass sich die Jugendlichen politisch betätigen und beteiligen und sich überhaupt gesellschaftlich engagieren.

 

 Interview mit Carsten Müller, 1. Beigeordneter des Kreises Offenbach

Im Gespraech mit Dolunay Özer

 

Mischt Euch ein, macht mit!

Frage: Warum ist ehrenamtliche Betätigung wichtig für die Gesellschaft?

Antwort: Es gibt viele Dinge, die wir als staatliche Organisationen gar nicht mehr in dieser Breite und Tiefe anbieten können, die dann dadurch aufgefangen werden. Insofern würde es auch eine ganze Menge an sozialer Hilfe und Unterstützung, aber auch Hilfsmaßnahmen im Umweltbereich nicht mehr geben, wenn es das ehrenamtliche Engagement nicht gäbe. Deswegen ist es nicht mehr wegzudenken und es wird aus meiner Sicht auch an vielen Stellen leider zu wenig gefördert vom Staat. Das muss man schon sagen, dass manchmal die Unterstützung besser sein könnte als sie gegenwärtig ist.

 

Frage: Stichwort Ehrenamt für Jugendliche im politischen Bereich. Was bedeutet das Ehrenamt für die Jugendlichen, die Politik und die Gesellschaft?

Antwort: Das Problem ist, dass wir aus meiner Sicht zu wenige Jugendliche im politischen Bereich haben, der ja zum überwiegenden Teil ehrenamtlich ist. Uns gelingt es nicht, zu vermitteln, welche Einflüsse Politik auf das direkte Leben der Menschen, insbesondere das der Jugendlichen hat. Deswegen ist es sehr wichtig, dass man über solche Projekte mehr Jugendliche an die Politik heranführen kann, weil sie letztendlich ihr eigenes Leben oder die Richtung in die das Leben geht, damit selbst in die Hand nehmen. Auch deshalb war „JuViSta - Junge Vielfalt findet Stadt“ beispielsweise ein hervorragendes Projekt, weil es schon gelungen ist, an der einen oder anderen Stelle die Eine oder den Anderen einmal mit Politik vertraut zu machen. Aber zugegebenermaßen ist natürlich Politik auch ein bisschen sperrig, mit Bürokratie, im Kreistag oder in der Stadtverordnetenversammlung, da findet Politik statt. Das sind natürlich alles sehr abstrakte und unnahbare Gebilde, aber da muss man mitmachen und sich einmischen, sonst darf man am Ende nicht meckern.

 

Frage: Kann das Jugendparlament in verschiedenen Regionen, z.B. Hessen oder wo anders, die zukünftige Kommunalpolitik beeinflussen?

Antwort: Auf städtischer Ebene können Jugendparlamente mit Sicherheit etwas beeinflussen; da sind sie auch wichtig. Ich fürchte nur, je höher die Ebene ist, desto abstrakter wird die Politik und deswegen ist es schwieriger, Jugendliche dafür zu begeistern. Der Kreis regelt beispielsweise nicht so viele Dinge auf jugendpolitischer Ebene und natürlich nicht alles. Die Frage, ob eine Skater-Bahn errichtet wird oder nicht, ist eine Sache, die von der Stadt geregelt wird. Insofern ist es auf der kommunalen und auf der städtischen Ebene sehr richtig und auch sehr zu fördern. Wenn es auf höhere Ebenen geht, ist es auch wichtig, aber es ist halt eine völlig andere Art der Politik, deswegen muss man da immer ein bisschen aufpassen.

 

Frage: Was wäre Ihr Appell an die Jugendlichen, um politisch aktiv zu werden?

Antwort: Mein Appell ist, sich einmischen und mitmachen und auch seine Meinung äußern, anstatt sich zurückzuziehen oder zu sagen: „Das interessiert mich nicht.“ Denn Politik bzw. Entscheidungen die in der Politik getroffen werden, beeinflussen das Leben eines jeden Menschen und deswegen sollte man lieber mitmachen und selbst gestalten, als von anderen gestaltet zu werden.

 

 

Daniel Tybussek, Bürgermeister von Mühlheim und Harald Winter, Stadtverordnetenvorsteher, standen unserem jungen Team İrem, Elis, Eray und Ersin Rede und Anwort zum Thema Kommunalpolitik.

 

Interview mit Daniel Tybussek:

 

Werdet aktiv im Jugendforum Eurer Stadt!

Frage: Waren Sie schon als Jugendlicher politisch interessiert und hätten Sie sich damals vorstellen können, einmal Bürgermeister zu werden?

Antwort: Ich war schon immer daran interessiert was die Gesellschaft betrifft. Ich war ehrenamtlich engagiert und bin noch heute bei der Feuerwehr in Dietesheim und habe dann entschieden, dass wenn man politisch interessiert ist und über städtische Belange mitreden möchte, man auch bereit sein sollte, sich politisch zu engagieren. Das habe ich dann 2005 gemacht, bin in die SPD eingetreten und war ab 2006 Stadtverordneter. Ich konnte mir damals nicht vorstellen, dass ich einmal die Politik zu meinem Beruf machen würde. Als ich dann Bürgermeister geworden bin, hat meine Mutter gesagt : „Du hast schon einmal Bürgermeister gespielt, als du acht oder neun Jahre alt warst. Das eine war nur ein Spiel, aber das andere ist ernst, weil das eine sehr verantwortungsvolle Tätigkeit für die Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt ist.“

 

Frage: Was sind momentan die wichtigsten Probleme der Stadt Mühlheim?

Antwort:   Weil viele Menschen gerne in Mühlheim wohnen wollen und auch sehr viele junge Familien hierher ziehen, haben wir natürlich die Herausforderung, genügend Kinderbetreuungsplätze bereitzustellen. Dafür laufen verschiedene Bauprojekte, beispielsweise die Schulbetreuung in Markwald oder auch der Bau eines neuen Kindergartens, aber ganz wichtig ist, dass wir auch die Seniorinnen und Senioren die schon viele Jahre und Jahrzehnte in Mühlheim leben und die unser Land und unsere Stadt aufgebaut haben und nach dem Krieg zu dem gemacht haben was es heute ist, nicht vergessen. Deswegen brauchen wir ein gutes Miteinander der Generationen und auch ein gutes Miteinander der Kulturen und müssen für die unterschiedlichsten Anforderungen die entsprechenden Angebote leisten. Allerdings ist es in Zeiten wo man finanziell nicht so gut aufgestellt ist wie man es gerne wäre, nicht ganz so einfach. Man muss Kompromisse finden, aber das zeigt dann auch die politische Debatte, hier alles gut in Einklang zu bringen.

 

Frage: Könnten Sie sich vorstellen, dass vielleicht in 10 Jahren jemand mit Migrationshintergrund, der jetzt noch Kind oder Jugendlicher ist, Bürgermeister von Mühlheim werden könnte?

Antwort: Ich habe grundsätzlich ein Stück weit Schwierigkeiten, zu sagen, wir haben jetzt hier jemanden mit Migrationshintergrund. Das ist genauso bei der Gleichstellung von Mann und Frau. Warum müssen wir gucken, ob Frauen im Beruf benachteiligt werden? Hier geht es um Menschen und wenn Menschen die Fähigkeiten und den Willen dazu haben und sich einsetzen wollen, dann sollte das unabhängig von der Herkunft auch möglich sein. Wichtig ist, dass man unsere Gesellschaft mit ihren Werten und Zielen und mit Toleranz und allem was dazugehört, achtet, wertschätzt und sich in die Gesellschaft einbringen will.

 

Frage: Welchen Appell haben sie an die heutigen Jugendlichen damit sie sich politisch mehr beteiligen?

Antwort: Bringt Euch ein und macht mit! Wir als Stadt Mühlheim haben schon seit vielen Jahren mit dem Jugendforum die Möglichkeit, sich direkt zu engagieren. Das Jugendforum hat über sein Sprecherteam eine sehr große Möglichkeit, auch Anträge direkt in die Stadtverordnetenversammlung zu bringen. Diese Möglichkeit hat beispielsweise der Ausländerbeirat noch nicht, was ich sehr bedaure und ich setze mich dafür ein, dass auch der Ausländerbeirat als anerkanntes Gremium Anträge direkt in die Stadtverordnetenversammlung einbringen darf.

Aber lasst Euch nicht immer von all den Debatten die in den Medien sind, abschrecken.

sondern die Devise ist, einfach mitmachen und vor allen Dingen Freude bei der Arbeit haben und bei all dem was man tut, ob das im Ehrenamt oder in der Freizeit ist, das ist sehr wichtig und wenn es Menschen im jungen Alter gibt, die sich engagieren wollen, bei dem ein oder anderen Rückschlag nicht unterkriegen lassen. Die Jugend wird gebraucht, das ist die Zukunft von morgen.

  

Interview mit Harald Winter, Stadtverordnetenvorsteher von Mühlheim

 

Politik bestimmt unsere gemeinsame Zukunft

Frage: Hätten Sie sich als Jugendlicher vorstellen können, Stadtverordnetenvorsteher zu werden?

Antwort: Nein das hätte ich mir als Jugendlicher noch nicht vorstellen können. Ich bin auch erst relativ spät zur Kommunalpolitik gekommen. Ich war schon so um die 30, als ein Freund es mir ermöglicht hat, mich zur Wahl zu stellen. Da bin ich tatsächlich ins Stadtparlament gewählt worden und bin jetzt seit 6 Jahren Stadtverordnetenvorsteher in Mühlheim, was mich sehr stolz macht und was auch eine sehr schöne und spannende Aufgabe ist.

 

Frage: Was bedeutet es Ihrer Meinung nach, Lokalpolitik zu betreiben?

Antwort: Lokalpolitik setzt sich immer mit den Problemen auseinander, die wirklich lokal in der Stadt vorhanden sind. Das Schöne an der Lokalpolitik ist, anders als in Wiesbaden oder in Berlin können uns die Menschen hier direkt ansprechen, also wenn ich z.B. einkaufen gehe, auf dem Markt bin oder beim Spazierengehen. Oftmals haben die Menschen Probleme oder Fragen, und das ist eigentlich das Schöne, wir machen das ja nur ehrenamtlich und bekommen dafür kein Geld. Es ist aber sehr schön, mit den Menschen so in Kontakt zu kommen und den Menschen dann auch teilweise weiterhelfen zu können.

 

Frage: Könnten Sie sich vorstellen, dass ein Jugendlicher mit Migrationshintergrund in 10 bis 20 Jahren Bürgermeister in Mühlheim werden kann?

Antwort: Ich bin mir ganz sicher. Wenn man nach Heusenstamm schaut, da gibt es ja schon Halil Öztas, also einen Bürgermeister mit Migrationshintergrund. Auch in der Stadtverordnetenversammlung haben wir Mitglieder mit Migrationshintergrund, wofür ich sehr dankbar bin. In der Stadtverordnetenversammlung ist auch immer der Ausländerbeirat dabei, der hat auch sein Rederecht und kann sich jederzeit zu Wort melden; da kamen auch schon teilweise wirklich sehr gute Ideen und neue Aspekte zutage.

 

Frage: Welchen Appell haben Sie an Jugendliche mit Migrationshintergrund, sich politisch zu engagieren?

Antwort: Bei dieser Frage möchte ich eigentlich vom Migrationshintergrund weg. Ich appelliere vielmehr an alle Jugendlichen, sich politisch zu engagieren, denn Politik bestimmt unsere, aber auch Eure Zukunft. Wenn Ihr später mal älter werdet, dann sind die Verhältnisse so, wie Ihr das vielleicht vorher einmal entschieden habt. Ich kann nur jedem raten, sich kommunalpolitisch oder auch auf höherer Ebene zu engagieren.

 

Interview mit Hüsamettin Eryılmaz, Vorsitzender des Deutsch-Türkischen Forums Kreis und Stadt Offenbach

 Frage: Welchen Nutzen haben Projekte wie dieses für die Jugendlichen? 

Antwort: Die Jugendlichen lernen, Verantwortung zu übernehmen und sich über Fragen wie diese Gedanken zu machen: Wo lebe, ich? Was gibt es in meinem Umfeld? Wie kann ich mich engagieren? Welche Probleme gibt es? Wie kann ich Lösungen dafür finden? Wer kann mich dabei unterstützen? Mit wem kann ich darüber diskutieren und mich austauschen? Wie kann ich mir eine eigene Meinung bilden? Wie kann ich selbst Fragen stellen, Antworten suchen und auch Kritik üben? Im Rahmen dieses Projektes lernen sie sehr viele wichtige Dinge, die sie auch in Zukunft für ihre persönliche Entwicklung benötigen.

 

Frage: Kann diese persönliche Entwicklung auch in eine politische Karriere münden?

Antwort: Es muss nicht unbedingt die Motivation zu einer politischen Laufbahn sein. Wichtig ist, dass sie wachsam sind und erkennen, was in ihrem Umfeld läuft, wie sich die Gesellschaft entwickelt, welche Fragestellungen, Probleme und Lösungsansätze es gibt, welchen Beitrag sie persönlich dazu leisten können, wie sie Gleichgesinnte ansprechen können, wie und in welchen Bereichen sie sich politisch engagieren können. Auch demokratische Teilhabe ist sehr wichtig, dass sie lernen, wie sie sich demokratisch einbringen und ein Demokratieverständnis entwickeln können, dass sie Demokratie erfahren, leben und erleben. Das sind die wichtigsten Punkte die sie im Rahmen dieses Projektes ein Stück weit lernen.

 

Frage: Was macht Ihr Mühlheimer Familienverein in Bezug auf Jugendarbeit und politische Motivation für Jugendliche? 

Antwort: Der Türkische Familienverein in Mühlheim ist ein enger Partner des Deutsch-Türkischen Forums. Dieses hat zum Ziel, junge Menschen zu stärken, zu fördern, zu begleiten und die Chancen zur demokratischen Teilnahme dieser jungen Menschen zu stärken. Der Türkische Familienverein in Mühlheim ist ein Partner des Deutsch-Türkischen Forums, der Familien anspricht, damit sie ihre Kinder in diesem Projekt mitmachen lassen, teilhaben lassen und sie lernen lassen, damit sie es dann an andere weitergeben. Auch das Weitergeben eigener Erfahrungen ist wichtig. Die Jugendlichen, die seit mehreren Jahren in verschiedenen Projekten des Deutsch-Türkischen Forums mitgemacht haben, haben auch anderen beigebracht, was sie gelernt haben, und dadurch haben sie deren Leben und Persönlichkeitsentwicklung bereichert. Und diese Jugendlichen die in Mühlheim mitgemacht haben, engagieren sich auch weiterhin in anderen Bereichen

  

Interview mit John Kannamkulam, Leiter des Projekts JuViSta

Frage: Was war das Ziel des Projekts JuViSta?

Antwort: Mit dem Projekt hatten wir vor, Jugendliche an das Ehrenamt und an soziales Engagement heranzuführen, aber vor allen Dingen dass sie sich begreifen als vollwertige junge Bürgerinnen und Bürger dieses Landes, der Bundesrepublik, aber auch als des Kreises Offenbach und in ihren Städten. So etwas erfährt man nur, wenn man mit anderen Menschen in Kontakt kommt, sich beteiligt und sich für andere Menschen engagiert. Das haben wir diesen Jugendlichen als Werte vermittelt und das Ergebnis davon ist, dass fast 50 Jugendliche JuViSta jetzt nach drei Jahren abgeschlossen haben und erfolgreich über die ganze Zeit dabeiblieben, jeweils in den Jahrgängen, und sich weiter engagieren. Sie haben es ja heute auch noch einmal gehört, wie viele Jugendliche sich weiter engagieren möchten. Das hat damit zu tun, sich als Bürger und aktiver Mensch zu begreifen und sich zu engagieren. Und das finde ich toll.

 

Frage: Fördern soziales Engagement und die Ausübung eines Ehrenamts in der Jugend die Bereitschaft, sich auch später politisch zu betätigen?

Antwort: Das ist absolut richtig. Einige der JuViSta-Jugendlichen haben sich bei den Jugendorganisationen verschiedener demokratischer Parteien engagiert und wollten einmal Parteipolitik erleben, oder beim Kreis-Ausländerbeirat oder bei den Ausländerbeiräten; da wo ehrenamtlich politisch Tätige auf kommunaler Ebene unterwegs sind. Das haben sie kennengelernt und sich auch ein Stück weit davon begeistern lassen.

 

Frage: Welche konkreten Erfahrungen haben die Jugendlichen dabei gemacht?

 

Antwort: Die Jugendlichen haben selbst gesagt, dass es schon spannend ist, z.B. mit bestimmten Mandatsträgern zusammen zu kommen, also mit Dezernenten, Bürgermeistern, usw. und eine Partei von innen zu erleben, wie die Entscheidungsprozesse sind, wie demokratisch das abläuft und gleichzeitig entsprechend auch mitzubekommen, was es heißt, in einem größeren Maßstab zu denken: angefangen bei der Weltpolitik über die Europapolitik und die Europäische Union bis hin zu Deutschland und dann herunter bis zum Kreis Offenbach und bis zu ihrer eigenen Stadt. Das ist das, was sie mitbekommen haben und gleichzeitig auch was z.B. Wahlkampf bedeutet und das heißt auch, teilweise konfrontiert zu sein mit der Ablehnung der Bürgerinnen und Bürger. Das haben sie ein Stück weit als Beobachter mitbekommen. Mitgemacht haben sie natürlich nicht beim Wahlkampf, das war ja meine Bedingung, dass die Jugendlichen nicht Wahlkampf für die Parteien machen, das durften sie nicht, aber sie durften die Arbeit als Beobachter kennenlernen.

 

Frage: Vielleicht können wir eine oder einen der 47 Jugendlichen aus diesen 3 Jahren in 10 Jahren als Bürgermeister oder Bürgermeisterin von Offenbach oder als Landrat oder Landrätin sehen?

Antwort: Ja, da bin ich sogar zuversichtlich, ich wüsste da sogar schon einige Kandidatinnen und Kandidaten. 

 

Interview mit Anna Wasznewsky, Teilnehmerin bei JuViSta

Frage: Warum hast du an dem Projekt teilgenommen und welche Erwartungen hattest du, als du mit JuViSta angefangen hast?

Antwort: Mein Name ist Anna Wasznewsky, ich bin Schülerin in Neu-Isenburg und erfolgreiche Teilnehmerin des Projekts JuViSta. Ich wollte Informationen sammeln im Bereich Jugend-Engagement, weil ich es für ein Thema halte das sehr wichtig ist für die Jugend heutzutage. Ich habe mir gedacht, dass ich diese Informationen hier bekommen kann und wollte ein sinnvolles Jahrespraktikum machen.

 

Frage: Was erwartest du, nach dem Projekt JuViSta noch zu erreichen? Was möchtest du danach noch machen?

Antwort: Zum Einen ist es mir sehr wichtig, dass ich hier im Kreishaus ein festes Netzwerk geknüpft habe, vor allem durch JohnKannamkulam, den ich auch als Menschen zu schätzen gelernt habe und hoffe, dass diese Freundschaft weiter bestehen wird. Und zum Anderen bin ich jetzt noch motivierter, mich für das Ehrenamt zu engagieren.

 

 

Interview mit Layla Zoubek, Teilnehmerin bei JuViSta

 

Frage: Wer bist du und warum hast du an dem Projekt teilgenommen?

Antwort: Mein Name ist Layla Zoubek, ich bin 18 Jahre alt und zur Zeit Kreis-Schulsprecherin und Bezirks-Schulsprecherin von Hessen Süd, d.h. ich vertrete momentan ca. 300.000 Schüler. Ich habe mir vom Projekt JuViSta erhofft, dass ich mehr über das Ehrenamt lerne und mich auch stärker engagieren kann, weil man oft auch gar nicht weiß, wie man sich am besten engagieren kann. Das war auch mein Problem. Ich wollte mich immer engagieren, aber wusste nicht genau, wie und habe gehofft, dass ich das hier ein bisschen lerne.

 

Frage: Möchtest du nach dem Ende des Projekts in diese Richtung weitermachen?

Antwort: Auf jeden Fall. Mir macht das so viel Spaß, ich habe in den Seminaren sehr viel gelernt und ich habe wirklich ein Interesse an der Politik entwickelt. Ich bin ja jetzt auch Kreis-Schulsprecherin und mir macht das Ganze so viel Spaß, dass ich mich auf alle Fälle weiter engagieren will.

 

Frage: Siehst du das auch als einen Job für deine Zukunft an? 

Antwort: Da bin ich mir noch nicht so ganz sicher. Ich möchte es nicht studieren, aber ich würde mich sehr gern in meiner Freizeit weiter mit Politik beschäftigen.

 

Interview mit Bernd Klotz, Mitglied der Stadtverordnetenversammlung Mühlheim 

Im Gespräch mit İrem, Elis, Eray und Ersin zum Thema Kommunalpolitik.

 

Politik ist unverzichtbarer Bestandteil der Demokratie

Frage: Waren Sie schon im jugendlichen Alter politisch interessiert?                                                                                                                                                              

Antwort: Ich war nicht nur politisch interessiert, sondern auch politisch engagiert in der Kommunalpolitik in meiner Stadt. Ich komme aus Leverkusen, da bin ich geboren und habe mich damals insbesondere für soziale Fragen engagiert.        

 

Frage: Welchen Appell haben Sie an die heutigen Jugendlichen, damit sie sich politisch mehr engagieren?

Antwort: Mischt euch ein euch ein, formuliert Eure Wünsche und Bedürfnisse, kämpft für sie und habt auch das Miteinander aller Generationen gut im Blick, gerade auch das mit älteren Menschen. Die Vorfälle im Pflegeheim hier in Mühlheim haben ja gezeigt, dass auch ältere Menschen Kontakte und Beziehungen brauchen, und da denke ich können sich Jugendliche gut einbringen. Aber vor allen Dingen sollen sie auch gegenüber der Öffentlichkeit, der Politik und der Kommunalpolitik ihre Wünsche klar formulieren. Das macht ein bisschen Mühe aber es lohnt sich

 

Frage: Warum sollten Jugendliche mit Migrationshintergrund in der Politik mitmischen?     

Antwort: Für mich ist es wichtig, dass im Sinne eines guten Miteinanders von Menschen verschiedenster ethnischer, religiöser und kultureller Herkunft diese Jugendlichen auch eine Stimme bekommen, das heißt, dass man nicht über sie, sondern mit ihnen spricht. Das ist meiner Meinung nach ganz wichtig. Das heißt aber auch für die Jugendlichen, dass sie nicht nur über die Politiker sprechen, sondern auf die Politiker zugehen – und diese Erfahrung macht Ihr hier ja gerade - denn Politiker sind durchaus zu Gesprächen bereit. Hier in Mühlheim haben wir eine große JuSo-Gruppe, da sind auch viele Jugendliche mit Migrationshintergrund engagiert. Ich denke, es ist immer die Frage, „habe ich die Chance, meine ganz persönlichen Bedürfnisse wirklich zu artikulieren? Habe ich die Möglichkeit, meine Stimme zu erheben und hörbar zu machen?“ Das finde ich ganz wichtig.

 

 

 

Jürgen Hoffmann, Bürgermeister von Rodgau, beantwortete die Fragen unserer jungen Reporter Seda und Melih.

Politikverdrossenheit? Nein. Die Jugendlichen haben Interesse an Politik

 

Frage: Seit wann engagieren Sie sich politisch?

Antwort: Politisches Interesse hatte ich eigentlich bereits mit 15 oder 16. Damals habe ich mich aber mehr mit der Gewerkschaftsbewegung beschäftigt; also noch nicht so mit Parteien, das kam erst etwas später, und dann mit den verschiedenen Parteien, und letzten Endes bin ich mit etwa 23 Jahren in die SPD eingetreten.

 

Frage: Was sagen Sie zu der Politikverdrossenheit von Jugendlichen und wie könnte man sie dazu bringen, sich in der Politik zu engagieren? 

Antwort: Ich glaube, das ist nur eine Verallgemeinerung. Wenn ich mit jungen Menschen zu tun habe, z.B. wenn Schulklassen hier im Rathaus sind, oder wenn ich Schulklassen besuche, nehme ich eigentlich ein sehr ausgeprägtes politisches Interesse wahr. Ich habe nur das Gefühl, dass junge Menschen nicht wissen, wo sie mit ihren politischen Interessen hingehen sollen und dass es eigentlich nicht „in“ ist, sich untereinander mit politischen Themen zu beschäftigen. Aber sobald man ihnen die Möglichkeit gibt, spüre ich, dass doch viel drin ist, auch viel Emotion. Ich glaube auch, dass es durchaus lohnenswert wäre, wenn man sich gerade angesichts des heutigen Informationsüberflusses auch einmal wieder mehr einer Tageszeitung widmen würde. Es verwirrt die jungen Menschen, dass so viele gegenläufige Informationen auf sie einstürmen und dass die Zeit fehlt, alles inhaltlich vertiefender zu betrachten. Und die Erwachsenen müssten es mit ihnen diskutieren.

 

Frage: Nun zum Thema Migrationsanteil in Rodgau. Wie hoch ist er und wie viele Migranten sind im Stadtparlament vertreten bzw. wie viele Migranten gibt es in der Stadtverwaltung und wie viele Jugendliche mit Migrationshintergrund machen dort eine Ausbildung?

Antwort: In Rodgau leben im Moment 46.790 Menschen, das sind alle mit Haupt- und Nebenwohnsitz. Mit Nebenwohnsitz leben in Rodgau 1.738 Menschen und es leben 6.474 ausländische Mitbürgerinnen und Mitbürger hier, das sind 13,84 %. Detaillierter kann ich das aus dem Stegreif jetzt nicht sagen, aber die genauen Zahlen kann ich noch nachliefern.

 

Frage: In wie weit sind Migranten im Stadtparlament vertreten? Auch zu etwa 15%?

Antwort: Das kaum, und ohne jemandem zu nahe treten zu wollen, bildet das das Engagement von Migranten in der Politik in Rodgau ein Stück weit auch ab. Es gibt durchaus gesellschaftlich engagierte Menschen in Rodgau, aber doch relativ wenige, die tatsächlich auch ihr politisches Engagement zum Ausdruck bringen, indem sie ein Mandat wahrnehmen. Ich bedaure das und finde es nicht so toll. Rodgau ist eigentlich ein riesig großes Netzwerk der Hilfe, weil es viele Gruppen gibt, die im Bereich der gesellschaftlichen gegenseitigen Unterstützung unterwegs sind. Und da gelingt es ab und zu einmal, wenn man eine bestimmte Gruppe von Migranten anspricht, dass dann auch eine Bereitschaft da ist, aber es ist leider noch kein Automatismus oder keine Leidenschaft drin, die dazu führt dass man dann sozusagen immer wieder diese gesellschaftliche Durchmischung auch bei den Menschen findet, die in den verschiedenen Bereichen aktiv sind; sie ist da nicht so ausgeprägt wie es dem Anteil an der Bevölkerung entsprechen würde.

 

Frage: Was sind Ihre Pläne, damit sich die Jugendlichen politisch mehr einbringen?

Antwort: Politische Einbindung hat weniger etwas mit einer Strategie zu tun. Ich bin vielmehr fest davon überzeugt, dass man Interesse nur persönlich wecken kann, indem man junge Menschen anspricht, indem man sich mit ihnen unterhält und indem man bei ihnen das Interesse wirklich durch die Wertschätzung ihnen gegenüber ankurbelt. Ich bin fest davon überzeugt, dass junge Menschen ein grundsätzliches politisches Interesse haben. Ich glaube nicht, dass wir es schaffen, junge Menschen durch Flugblätter, Plakate oder irgendwelche Medien dazu zu bewegen, ein politisches Interesse durch Handeln zu entwickeln, denn politisches Interesse wird ja nur dann spürbar, wenn es nicht im Innersten des Einzelnen stattfindet, sondern nur wenn es durch Handeln nach außen tritt eben dadurch, dass man für bestimmte Dinge eintritt, Position bezieht und diese auch vehement nach außen zum Ausdruck bringt. Daran arbeite ich persönlich ständig. Das ist mein Ziel wenn ich etwa alle ein bis zwei Wochen eine Schulklasse hier habe, und da ist es mir vollkommen egal, welche Altersklasse das ist. Es gibt Schülerinnen und Schüler, die ich schon zum zweiten oder dritten Mal hierhatte, einmal mit der Kita, einmal mit der Grundschule und einmal mit der weiterführenden Schule und es ist wirklich wichtig, und das ist meine feste Überzeugung, dass man mit den jungen Menschen tatsächlich diskutiert und es ist manchmal total spannend, was dabei herauskommt. Ich hoffe, dass das auch dazu führt, eine entsprechende Saat auszubringen, und da sind natürlich auch die demokratischen politischen Parteien und der Ausländerbeirat aufgefordert, an der Stelle anzusetzen.

 

Frage: Was würden Sie politisch interessierten Jugendlichen wie uns raten? Wie können wir uns einbringen? 

Antwort: Politik hat ja nicht nur etwas mit Parteipolitik zu tun, sondern damit, Interessen zu bündeln und ein politisches Interesse zum Ausdruck zu bringen. In einer Demokratie wie der unseren heißt das, mit den verschiedenen Mandatsträgerinnen und Mandatsträgern zu reden; auch mit dem Bürgermeister oder dem Ersten Stadtrat, um damit auch gewisse Themen zu beleuchten. Ich denke, zur Politik gehört zunächst einmal, Informationen zu sammeln und das kann man auf verschiedenen Ebenen tun. Das kann man über die Homepage der Stadt machen, aber auch über andere Medien. Das ist aber eher langweilig, deswegen bin ich der festen Überzeugung, wenn man bestimmte Interessen hat, dann sollte man sich sehr genau anschauen, wie man diese Interessen im Gesamtkontext einer Stadt bewertet. Denn Politik heißt nicht, nur für seine eigenen Interessen unter Ausblendung aller anderen 47.000 Einwohner zu agieren, sondern tatsächlich zu versuchen, für sich selbst zu interpretieren, was für alle gut ist. Aber genau das ist die Schwierigkeit. Wie schafft man es denn, bei jungen Menschen einen Blick dafür zu entwickeln, dass Politik etwas ist, was man für eine ganz große Zahl von Menschen an positiven Wirkungen in einer Gesellschaft erreichen kann und was vielleicht gar nicht dem eigenen Individualinteresse entspricht? Das Ziel von Politik ist, verschiedene Interessen nicht unbedingt komplett in Einklang zu bringen, aber in einen Kontext zu stellen, der es erlaubt, mit diesen verschiedenen Interessen dann auch gefühlvoll umzugehen und einfach eine Wahrnehmung zu erzeugen, denn Wahrnehmung ist der erste Schritt für einen erfolgreichen Interessenausgleich.

 

Ein Statement von Ilay Hamoğlu aus Rodgau, Teilnehmerin an diesem Medienprojekt für Jugendliche

„Das Problem ist, dass sich Jugendliche nicht auf die Politik einlassen. Da stellt sich die Frage, was man dagegen tun kann.

Heutzutage haben die Kinder und Jugendlichen viel mehr Möglichkeiten, als es früher üblich war, was aber auch leider zur Folge hat, dass sich dadurch weniger dafür interessieren. Dabei vergessen wir immer wieder, wie wichtig diese eigentlich für uns sind.

Man sollte nie aus den aus den Augen verlieren, dass diese jungen Menschen eines Tages die Regenten sein werden, die Politiker von morgen. Um gegen das Desinteresse zu kämpfen, könnte man durch solche Projekte, wie z.B. dieses hier, Einblicke in die Welt der Politik verschaffen, damit sich die jungen Menschen ein Bild von ihr machen können und auch einmal mit der Praxis konfrontiert werden, statt mit stetiger trockener Theorie.

Des Weiteren kann man sicher einige Interessierte dazu gewinnen, wenn man es schafft, den Menschen vor Augen zu führen, dass sie in der Tat eine Stimme haben, eine die genauso wichtig ist, wie alle anderen, nicht mehr und nicht weniger.

Dies wären gute Wege, dem Generationskonflikt entgegenzuwirken.

Doch am Ende des Tages soll jeder selbst entscheiden, wie sehr er sein eigenes Leben fremdbestimmen lässt oder nicht.“

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(erstellt im Dezember 2017)

HABERLER